Wäre Hitler am 8. November 1939 nur ein paar Minuten länger im Bürgerbräukeller geblieben - Johann Georg Elser wäre heute womöglich ein Nationalheld. Der Mann, der Deutschland vom Tyrannen befreite. Doch Hitler entkam der Bombe, Elser geriet in Vergessenheit. Weder die Bundesrepublik noch die DDR konnte etwas mit ihm anfangen.
Berlin - Der neunte November wird gern als "Schicksalsdatum der deutschen Geschichte" bezeichnet. Am 9. November 1918 wurde die erste deutsche Republik in Berlin ausgerufen. Am 9. November 1923 putschte Hitler in München. Am 9. November 1938 brannten überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Synagogen. Und am 9. November 1989 fiel in Berlin die Mauer. Schicksalsdatum? Das klingt ebenso geschichtsmächtig wie hilflos.
Der 8. November 1939 zeigt, wie tragisch es endet, wenn sich Natur, Zufall und menschlicher Gestaltungswille in die Quere kommen. Denn wenn der Welt am Vorabend des 9. November 1939 in München nicht 13 Minuten verloren gegangen wären, hätte es eine ganze Reihe anderer deutscher Daten gar nicht gegeben. Auch der Mauerfall wäre ausgefallen. Die Mauer wäre nie gebaut worden.
Die 13 Minuten des 8. November 1939 waren die teuersten in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie haben die Menschheit in nicht einmal sechs Jahren, zwischen 1939 und 1945, über 50 Millionen Leben gekostet. Mindestens 5,6 Millionen Juden wurden in Europa von den Nazis ermordet. Für die Deutschen bedeuteten diese 13 Minuten am Ende: Flucht, Vertreibung - und Teilung.
Weil sich Nebel auf die bayerische Landeshauptstadt gelegt hatte, wurde am 8. November 1939 der Betrieb des Münchner Flughafens eingestellt. Der prominenteste Gast der Stadt musste an diesem Tag deshalb auf seinen Flug nach Berlin verzichten und den Zug nehmen: Adolf Hitler, der am 1. September 1939 den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen veranlasst und damit den Zweiten Weltkrieg begonnen hatte, war an diesem Abend wie schon in den Jahren zuvor am 8. November in den Münchner Bürgerbräukeller gekommen, um eine Rede zu halten. Die Nazi-Mitglieder der ersten Stunde trafen sich dort alljährlich, um den Putschversuch vom 8. November 1923 zu feiern.
Hitler begann seine Rede im Bürgerbräukeller wegen des Nebels in München 30 Minuten früher als geplant bereits um 20.00 Uhr, um den Nachtzug nach Berlin noch zu erwischen. Der Führer verließ den Saal um 21.07 Uhr. Das schlechte Wetter rettete ihm das Leben. Um 21.20 Uhr detonierte eine Bombe, die in einer Säule versteckt gewesen war. Die Wucht der Explosion war so groß, dass die Decke teilweise einstürzte. Acht Menschen starben, über 60 wurden zum Teil schwer verletzt. Hitler saß bereits in einer geheizten Limousine und war auf dem Weg zum Bahnhof.
Was wäre passiert, wenn Elser Erfolg gehabt hätte?
Natürlich weiß man nicht, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn ein Attentat Hitler im Herbst 1939 aus dieser Welt geworfen hätte. Der Zweite Weltkrieg war schon im Gange; zwar noch nicht im Westen, aber deutsche Panzer rollten bereits durch Warschau. Es ist nicht sicher, ob sich die Wehrmacht nach Hitlers Tod sofort aus dem eroberten Territorium zurückgezogen hätte. Und wie lange hätte es gedauert, bis die Deutschen das Regime gestürzt und die Demokratie eingeführt hätten?
Aber zu einem Weltenbrand mit 50 Millionen Toten wäre es wohl nicht gekommen. Hätten wir diese 13 Minuten im November irgendwie über die Zeit retten können, wäre unser aller Leben, vor allem das unserer Eltern und Großeltern und ihrer Altersgenossen in Europa, friedvoller verlaufen. Ohne Hitler ist der Holocaust schwer vorstellbar. Auschwitz wäre nach seinem Tod wohl ein weiterhin unbekanntes Städtchen im mitteleuropäischen Niemandsland geblieben; polnisch oder deutsch verwaltet, möglicherweise bekannt für seine Fabrik am Ortseingang, aber mit Sicherheit kein Synonym für das Grauen und den organisierten, millionenfachen Tod unschuldiger Männer, Frauen und Kinder.
Hätte man uns die 13 Minuten gelassen, würde man in der deutschen Geschichte eine Menge Abkürzungen vergeblich suchen: Es gäbe keine "BRD" und keine "DDR"; aber auch "SED" und "CDU", "FDJ" und "ARD" und eine "FU Berlin" gäbe es ebenso wenig wie "VEB" und "FDP". Das Bundesland Sachsen wäre ein Hort der deutschen Autoindustrie, deshalb vermutlich reicher als Baden-Württemberg, und hätte wahrscheinlich zwei oder drei Fußballmannschaften in der ersten Liga zu spielen. Königsberg wäre nicht nur der in seiner Nähe liegenden Sanddünen wegen ein beliebter deutscher Ausflugsort. Wenn Hitler am 8. November ums Leben gekommen wäre, hätte kein Mensch auch nur die leiseste Ahnung, was die »deutsch-deutsche-Frage« sein könnte.
Grenzer nehmen einen vermeintlichen Schmuggler fest
Etwa eine halbe Stunde, bevor die Bombe detonierte, um 20.45 Uhr, wird in Konstanz an der deutschen Grenze zur Schweiz ein 36-jähriger Mann bei dem Versuch festgenommen, die Sperranlagen zu umgehen und am Zollhaus vorbei die Schweiz zu erreichen. Die Grenzer halten ihn für einen Schmuggler. Doch der Mann hat keine Zigaretten, Wurst oder Alkohol bei sich, sondern einige Notizen über Munitionsherstellung, eine Ansichtskarte vom Bürgerbräukeller, ein Abzeichen des Roten Frontkämpferbundes, eine Beißzange sowie einige sehr verdächtig aussehende Metallteile. Die Grenzbeamten können sich keinen Reim auf den Grenzgänger machen. Erst gegen Mitternacht bekommt der Inhalt seines Rucksacks, den er im Zollhaus ausbreiten musste, einen Sinn.
Per Fernschreiber erfahren die Zöllner vom Attentat. Elser wird nach München überstellt. Noch schweigt der Festgenommene oder leugnet. Doch die Indizienkette schließt sich immer enger. Vor allem seine wunden, eitrigen Knie überführen den Mann, der schwäbischen Dialekt spricht, als Täter: Eine Untersuchung hatte ergeben, dass der Hohlraum der Säule, in dem der Sprengsatz versteckt gewesen war, für den Täter nur auf Knien zu erreichen gewesen ist. Kellnerinnen identifizieren den Mann als häufigen Gast des Bürgerbräukellers. Schließlich gesteht er.
Der Mann, der den Beamten der Münchner Kripo gegenübersitzt, kommt aus kleinen Verhältnissen. Sein Name ist Johann Georg Elser. Er ist schlank, aber kräftig, hat ein freundliches Gesicht. Johann Georg Elser stammt von der schwäbischen Alb. Er spielt gerne die Zither und gehörte einem konservativen Heimatverein an. Als man noch wählen durfte in Deutschland, hat der Kunstschreiner sein Kreuz immer bei der KPD gemacht, weil die Kommunisten seiner Ansicht nach die Interessen der Arbeiter am besten vertraten. Sonntags geht er dennoch oft in die Kirche und betet. Elser ist Protestant. Die Teilnahme an den Pseudowahlen des Dritten Reichs lehnt er ab.
Ende der zwanziger Jahre war Elser auf Zureden eines Freundes dem Rotfrontkämpferbund beigetreten, einer den Kommunisten nahe stehenden, militant ausgerichteten Organisation. Aber Elser ist kein Schläger und kein verbissener Ideologe. Er ist musisch sehr begabt und hat Glück bei den Frauen. Große Worte sind nicht seine Sache: Er wird Mitglied der Holzarbeitergewerkschaft, »weil man Mitglied dieses Verbandes sein sollte«, so sein knapper Bescheid zum Thema Interessenvertretung. Wenn im Volksempfänger eine Rede des Führers übertragen wird, verlässt er das Haus. Den Hitlergruß lehnt er ab. Das Gerede von der Volksgemeinschaft berührt ihn nicht.
Nachdem er in München die Tat gestanden hatte, wird er ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin gebracht und dort von der Gestapo schwer gefoltert. SS-Chef Heinrich Himmler ist mit den Ergebnissen seiner Beamten unzufrieden. Elser behauptet, keine Hintermänner gehabt zu haben. Dieser kleine Schwabe, ein Volksschüler und Handwerker, soll es fast geschafft haben, den Führer zu ermorden?
Eine Beteiligung des britischen Geheimdienstes würde den Nazis besser ins Bild passen. Da trifft es sich gut, dass man gerade zwei britische Agenten verhaftet hat. Die beiden Offiziere werden zu Elsers Hintermännern stilisiert. Doch der Kunstschreiner hat die Briten noch nie in seinem Leben gesehen. Der Mann, der Hitler fast umgebracht hätte, ist weder ein Intellektueller noch ein Agent, der in fremdem Auftrag handelt. Elser brauchte nicht erst Außenpolitik zu studieren oder in den diplomatischen Dienst zu gehen, um zu erkennen, dass sich Deutschland und Europa in den späten 30er Jahren auf eine Katastrophe zu bewegen. Einem Freund sagt er in dieser Zeit: "Wir kriegen keine bessere Regierung, wenn wir diese hier nicht selbst beseitigen." Darauf sein Kumpel: "Was redest du denn, das kannst du doch nicht schaffen!" Darauf Elser: "Doch, ich mach das noch." Und dann, in schwäbischem Idiom: »Aber schwätzat net!« - sag es nicht weiter.
Am Tag nach dem missglückten Anschlag verkündete das NSDAP-Organ ›Völkischer Beobachter‹ in seiner Schlagzeile »Die wunderbare Errettung des Führers«. Vermutlich traf das Nazi-Blatt damit eine weit verbreitete Stimmung in der deutschen Bevölkerung. Denn die meisten Deutschen, selbst diejenigen, die keine Nazis waren, hatten mit Hitler, dem Kriegsherrn, der gerade in nur 21 Tagen Polen besiegt hatte, ihren Frieden gemacht. 1933 waren in Deutschland sechs Millionen Menschen ohne Arbeit gewesen, drei Jahre später herrschte Vollbeschäftigung. Die Wirtschaft lief auf Hochtouren, auch wegen der Rüstungsprogramme, die Hitler aufgelegt hatte. Gewerkschaften, die Unternehmer mit unbequemen Lohnforderungen behelligen konnten, hatte Hitler verbieten lassen. Nach Jahren der Inflation und der Massenarbeitslosigkeit fand in Deutschland plötzlich ein Wirtschaftswunder statt.
Die Olympischen Spiele in Berlin machten sich die Nazis geschickt zu nutze. Es war das erste große internationale Sportereignis, das über Rundfunk live in die Welt übertragen wurde. Sogar Fernsehtechnik wurde ausprobiert. Die Nazis gaben sich modern - und was die Nutzung der Medien anging, waren sie es auch.
Elser begriff Hitlers Pläne besser als die meisten Intellektuellen
Der kleine Schreiner von der schwäbischen Alb glaubt Hitler dagegen kein Wort. Er ahnt, dass der "Führer" die Welt in einen furchtbaren Krieg ziehen will - und dass auf sein Wort kein Verlass ist. Im Sommer 1938 entschließt sich Georg Elser endgültig zum Attentat. Sein Argwohn gegenüber Hitler ist berechtigt. Am 21. Mai 1938 hatte der Führer den Geheimbefehl »zur Zerschlagung der Resttschechei« erlassen. Europas Staatsmänner waren ihm mal wieder auf den Leim gegangen - Georg Elser nicht.
Europa hatte sich in den 30er Jahren in einen dunklen Kontinent verwandelt. Das Licht der Demokratie flackerte bedenklich. Als Elser den Zünder scharf stellte, waren von den 28 europäischen Staaten nur noch 11 demokratisch verfasst. Vor allem die konstitutionellen Monarchien erwiesen sich als standhaft gegenüber totalitären, faschistischen oder rechtsextremistischen Tendenzen. Doch in den meisten Ländern hatten sich autoritäre Regimes und Diktaturen durchgesetzt. Es wird oft vergessen, dass das Prinzip der Volksherrschaft in vielen europäischen Ländern erst wenige Generationen alt ist.
Hitlers von den meisten Deutschen bejubelter Volksstaat und der Zeitgeist in Europa standen gegen Elser - dennoch verlor er seinen Glauben an den Wert der Freiheit nicht. Johann Georg Elser handelte als mündiger Bürger aus ethischer und politischer Verantwortung heraus, ohne Rückhalt durch irgendeine Organisation oder Bewegung, einem ungeschriebenen Grundgesetz verpflichtet. In dem Geständnis, dass er einige Tage nach seiner Verhaftung ablegte, beklagte er unter anderem, dass die Arbeiterschaft im NS-Staat »unter einem gewissen Zwang« stehe. »Der Arbeiter kann zum Beispiel seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will, er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei betätigen.« Elser forderte Freizügigkeit, sowie Glaubens- und Gewissensfreiheit; lauter Werte, die später vom Grundgesetz garantiert werden sollten. Elsers Kritik am Nationalsozialismus war vielleicht rhetorisch nicht geschliffen, aber sie war eindeutig: Die Herrschaft der NSDAP greift in völlig unakzeptabler Weise in das Leben der Menschen ein. Also muss man sich wehren.
Nach seiner Ermordung im April 1945 im Konzentrationslager Dachau dauerte es Jahrzehnte, bis der Schreiner die Würdigung fand, die ihm zustand. Bereits 1946 unterstellte man Elser, er sei Gestapo-Agent gewesen. Die Nazis hätten das Attentat als Propagandatrick inszeniert: Diese Verschwörungstheorie fand nach dem Krieg selbst in Historikerkreisen Verbreitung.
Nach dem Krieg erst denunziert - dann vergessen
Dann wurde Elsers Tat schlicht vergessen. Wer hätte Elser nach dem Krieg historisch auch adoptieren sollen? In der DDR konnte man mit diesem Einzelgänger, dessen Affinität zum kommunistischen Milieu sich in klaren Grenzen hielt, nichts anfangen. Alleingänge mochte man in der DDR-Führung überhaupt nicht, und in den 50er Jahren, als sich die SED mit brutalen Mitteln Hunderter sogenannter "Abweichler" entledigte, landete man selbst als Kommunist schnell wegen individualistischer Positionen im Gefängnis. Auch als Honecker die Zügel zu Beginn der siebziger Jahre für kurze Zeit etwas lockerte, fand Elser keine Gnade vor der leninistischen Geschichtsschreibung. Der Kunstschreiner Johann Georg Elser, Held seiner Klasse, wurde in der DDR ignoriert, solange der sogenannte Arbeiter- und Bauernstaat existierte. Auch im Westen war eine Erinnerung an Elser lange nicht erwünscht. Die Linken konnten den wortkargen Einzeltäter nicht richtig einordnen, den Konservativen erschien Elser im Vergleich mit dem Hitler-Attentäter Stauffenberg als lästiger Geschichtszwerg - dass er aus kleinen Verhältnissen kam und nicht aus dem Adel, wird da eine Rolle gespielt haben.
Diese Ignoranz von links und rechts war wohl das größte Unrecht, dass man Elser post mortem angetan hat. Insgesamt 42 Attentate waren in den 12 Jahren seiner Schreckensherrschaft auf Hitler geplant; doch nur der Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg und der Kunstschreiner Georg Elser hätten ihn beinahe vom Leben zum Tode befördert. Der kleine Mann aus der schwäbischen Alb hätte den Krieg und den millionenfachen Mord an den europäischen Juden wahrscheinlich verhindert.
Die Aktion Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer hätte die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts wohl kleiner ausfallen lassen. Elsers vor dem Krieg geplante Tat war indes einzigartig. Dass ihn die politisch korrekten Chronisten in beiden deutschen Staaten jahrzehntelang bewusst und geflissentlich übersehen haben, beweist nur, wie geschichtsblind diese Nation auch lange nach dem Krieg agierte. Johann Georg Elser aber ist ein deutscher Held - gerade weil sich seine Motive ideologischer Instrumentalisierung widersetzen.